Werkstoffe bei Gewindebohrern: HSS, HSSE und HSSE-PM einfach erklärt
M6 oder M8, Sackloch oder Durchgangsloch, Feingewinde oder Regelgewinde: Beim Gewindeschneiden sind viele Details wichtig. Ein Punkt wird dabei aber schnell übersehen: der Werkstoff des Werkzeugs.
Denn HSS, HSS-G, HSSE, HSSE-V3 und HSSE-PM sind nicht einfach nur Abkürzungen auf dem Etikett. Sie zeigen, wie belastbar, verschleißfest und wärmebeständig ein Gewindebohrer oder Schneideisen ist.
„Der passende Werkzeugwerkstoff ist keine Nebensache. Er entscheidet mit darüber, ob ein Gewinde sauber entsteht, das Werkzeug stabil läuft und die Anwendung später zuverlässig funktioniert.“
Warum ist der Werkzeugwerkstoff so wichtig?
Beim Gewindeschneiden muss das Werkzeug mehrere Aufgaben gleichzeitig erfüllen:
- es schneidet das Gewindeprofil
- es führt sich im Werkstück
- es transportiert Späne ab
- es hält Reibung, Druck und Wärme aus
Je nach Werkstückmaterial kann diese Belastung sehr unterschiedlich sein. Ein normaler Stahl lässt sich anders bearbeiten als Edelstahl, hochfester Stahl oder Aluminium. Auch die Anwendung macht einen Unterschied: Wird von Hand geschnitten? Arbeitet eine Maschine? Geht es um ein einzelnes Reparaturgewinde oder um viele Gewinde in Serie?
Genau deshalb gibt es unterschiedliche Werkzeugwerkstoffe. Manche sind besonders zäh und robust. Andere sind stärker auf Verschleißfestigkeit, Wärmebeständigkeit oder Prozesssicherheit ausgelegt.
Was bedeutet HSS?
HSS steht für High Speed Steel, also Schnellarbeitsstahl. Er ist der klassische Grundwerkstoff für viele Gewindebohrer, Schneideisen und Bohrer.
Der Werkstoff ist robust, zäh und für viele normale Gewindearbeiten geeignet. Gerade bei Werkstattarbeiten, Reparaturen oder beim Schneiden von Hand ist das wichtig. Hier muss ein Werkzeug zuverlässig arbeiten und kleine Ungenauigkeiten besser verzeihen.
Merksatz: HSS ist der robuste Standard für viele klassische Gewindearbeiten.
Was bedeutet HSS-G?
HSS-G baut auf HSS auf. Das „G“ steht für geschliffen.
Damit ist nicht ein anderer Grundwerkstoff gemeint, sondern die Ausführung des Werkzeugs. Die Schneiden werden präzise geschliffen. Dadurch greifen sie sauberer ins Material und können ein genaueres Gewinde erzeugen.
Das ist besonders bei Gewindebohrern und Schneideisen wichtig, weil die Schneidengeometrie direkt beeinflusst, wie sauber das Gewinde entsteht.
Merksatz: HSS ist der Werkstoff. HSS-G ist die geschliffene Ausführung.
Was ist HSSE?
HSSE ist eine Weiterentwicklung von HSS. Der Werkstoff enthält zusätzlich mindestens 5 % Kobalt.
Kobalt verbessert vor allem die Warmhärte. Das bedeutet: Das Werkzeug bleibt auch bei höheren Temperaturen stabiler. Genau das ist wichtig, wenn beim Gewindeschneiden mehr Reibung entsteht oder das Werkstückmaterial schwerer zu bearbeiten ist.
HSSE wird deshalb häufig bei anspruchsvolleren Werkstoffen eingesetzt, zum Beispiel bei rostfreien oder legierten Stählen.
Merksatz: HSSE ist HSS mit mehr Wärmebeständigkeit und Verschleißfestigkeit.
Was bedeutet HSSE-V3?
HSSE-V3 geht noch einen Schritt weiter. Neben Kobalt enthält der Werkstoff einen erhöhten Vanadiumanteil.
Vanadium macht den Werkstoff verschleißfester. Das Werkzeug kann seine Schneidleistung dadurch länger behalten, wenn die Bedingungen zur Anwendung passen.
Der Unterschied liegt also vor allem in der höheren Widerstandsfähigkeit. HSSE-V3 ist interessant, wenn ein Werkzeug stärker beansprucht wird und eine höhere Standzeit gefragt ist.
Merksatz: HSSE-V3 ist die verschleißfestere Variante von HSSE.
Was ist HSSE-PM?
Bei HSSE-PM steht nicht nur die Legierung im Vordergrund, sondern vor allem die Herstellung. PM bedeutet pulvermetallurgisch.
Bei diesem Verfahren wird der Stahl besonders gleichmäßig aufgebaut. Dadurch entsteht ein feineres und homogeneres Gefüge. Das Werkzeug kann bei hoher Belastung stabiler arbeiten und gleichmäßigere Ergebnisse liefern.
HSSE-PM wird deshalb vor allem bei Anwendungen eingesetzt, bei denen Standzeit, Prozesssicherheit und wiederholbare Ergebnisse besonders wichtig sind.
Merksatz: HSSE-PM ist die leistungsstarke Variante für anspruchsvolle und wiederholgenaue Gewindearbeiten.
HSS, HSSE und HSSE-PM im Vergleich
| Werkstoff | Einfach erklärt | Typischer Einsatz |
|---|---|---|
| HSS | robuster Schnellarbeitsstahl | Standardgewinde, Werkstatt, Reparatur, Handarbeit |
| HSS-G | geschliffene HSS-Ausführung | präzise Handgewindebohrer und Schneideisen |
| HSSE | kobaltlegierter Schnellarbeitsstahl | Edelstahl, zähe Stähle, höhere Wärmebelastung |
| HSSE-V3 | HSSE mit erhöhtem Vanadiumanteil | höhere Verschleißfestigkeit und Standzeit |
| HSSE-PM | pulvermetallurgisch hergestellter Schnellarbeitsstahl | Serienfertigung, anspruchsvolle Werkstoffe, hohe Prozesssicherheit |
Warum nicht einfach immer das „beste“ Material nehmen?
Ein häufiger Fehler ist die Annahme: Je hochwertiger der Werkzeugwerkstoff, desto besser ist das Werkzeug für jede Anwendung.
So einfach ist es aber nicht. Ein HSSE-PM Maschinengewindebohrer kann in einer anspruchsvollen Fertigung genau richtig sein. Für ein einzelnes Reparaturgewinde in normalem Stahl kann ein HSS-G Handgewindebohrer aber die sinnvollere Lösung sein.
Vor der Werkzeugauswahl helfen deshalb diese Fragen:
- Welches Material wird bearbeitet?
- Wird von Hand oder maschinell geschnitten?
- Geht es um ein Durchgangsloch oder ein Sackloch?
- Wie viele Gewinde sollen hergestellt werden?
- Wie wichtig sind Standzeit und Prozesssicherheit?
- Wird ausreichend geschmiert?
Erst wenn diese Punkte klar sind, lässt sich der passende Werkzeugwerkstoff sinnvoll auswählen.
Passende Gewindewerkzeuge von VÖLKEL
Der Werkzeugwerkstoff ist ein wichtiger Teil der Anwendungsauswahl. Denn ein Gewindewerkzeug muss nicht nur zur Gewindegröße passen, sondern auch zum Werkstückmaterial, zur Bearbeitungsart und zur gewünschten Prozesssicherheit.
Für klassische Werkstattarbeiten, Reparaturen und Handanwendungen bietet Wir Handgewindebohrer und Schneideisen aus HSS-G. Wenn die Anwendung anspruchsvoller wird, kommen leistungsfähigere Werkstoffe ins Spiel.
HSSE eignet sich für zähere Werkstoffe und höhere thermische Belastungen. HSSE-PM kommt dort zum Einsatz, wo hohe Standzeiten, gleichmäßige Ergebnisse und Prozesssicherheit besonders wichtig sind, zum Beispiel bei Maschinengewindebohrern wie GRÜNRING oder ROTRING.
So entsteht aus der Werkstoffauswahl ein praktischer Vorteil: Das Werkzeug passt besser zur Anwendung, läuft sauberer und unterstützt ein zuverlässiges Gewindeergebnis.
Fazit: Der richtige Werkzeugwerkstoff hängt von der Anwendung ab
HSS, HSS-G, HSSE, HSSE-V3 und HSSE-PM unterscheiden sich nicht nur im Namen. Hinter jeder Bezeichnung steckt eine Eigenschaft, die beim Gewindeschneiden wichtig werden kann.
HSS und HSS-G sind robuste Allrounder für Standardgewinde, Handarbeit und Reparaturen. HSSE bringt mehr Wärmebeständigkeit und Verschleißfestigkeit mit. HSSE-V3 ist stärker auf Härte und Standzeit ausgelegt. HSSE-PM eignet sich besonders für anspruchsvolle Anwendungen und hohe Prozesssicherheit.
Am Ende zählt deshalb nicht die Frage: Welcher Werkstoff ist der beste?
Die bessere Frage lautet: Welcher Werkzeugwerkstoff passt zu meinem Material, meiner Anwendung und meinem Gewinde?
Denn sauberes Gewindeschneiden beginnt nicht erst beim Ansetzen des Werkzeugs. Es beginnt schon bei der richtigen Auswahl.
FAQ zu HSS, HSSE und HSSE-PM
Was bedeutet HSS?
HSS steht für High Speed Steel, also Schnellarbeitsstahl. Der Werkstoff wird häufig für Gewindebohrer, Schneideisen, Bohrer und Fräser verwendet.
Was ist der Unterschied zwischen HSS und HSS-G?
HSS beschreibt den Werkstoff Schnellarbeitsstahl. HSS-G beschreibt zusätzlich, dass das Werkzeug geschliffen ist.
Was bedeutet HSSE?
HSSE ist ein kobaltlegierter Schnellarbeitsstahl. Er ist wärmebeständiger und verschleißfester als klassischer HSS.
Wann brauche ich HSSE-PM?
HSSE-PM ist sinnvoll, wenn hohe Prozesssicherheit, längere Standzeiten und anspruchsvolle Werkstoffe im Vordergrund stehen.
Ist HSSE-PM immer besser als HSS?
Nein. Für Standardgewinde, Reparaturen und Handarbeit kann HSS-G völlig ausreichend und oft wirtschaftlicher sein.